
„LEARNING FROM SELB“
Das Thema „Umbruch – Abbruch – Aufbruch“ charakterisiert die derzeitige Entwicklung der Kleinstadt im Fichtelgebirge auf treffende Weise. Der Wandel der Planungsinstrumente kann von der Stadtplanung durch Walter Gropius über die Auswirkungen des Strukturwandels in der Porzellanindustrie bis hin zur Pilotstadt im Programm „Stadtumbau West“ abgelesen werden. Die Umsetzung des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes, sowie die praxisbezogenen Pilotprojekte sind aktuell in vollem Gange und laden zum Studium vor Ort ein.
SELB: Samstag , 24. JULI 2010
Entdeckungstour durch Selb
Samstag, 24. Juli 2010
Start: Abfahrt 8:00 Uhr, Bus ab DLZ, Lorenzer Straße 30, Nürnberg
Ziel: Selb, Einsteinstraße 1, Programm in Selb von 10:30 Uhr – 18:00 Uhr
Rückfahrt: 19:00 Uhr
Anmeldung Bus: Peter Kuchenreuther, Tel. 09231/87 99 97
Kosten ca. 15,-€
10h30
VORTRAG
„STADTUMBAU IN SELB“
Baudirektor Helmut Resch,
Architekt BDA a. o.
Treffpunkt: Einsteinstraße 1, Selb
11h00
WERKBERICHT; BARRIEREFREIES WOHNEN IM STADTTEIL VORWERK
Peter Gasteiger, Philipp Tiller,
Gasteiger Architekten
Treffpunkt: Vorwerkstraße 1, Selb
11h30
ORTGANG STADTTEIL VORWERK – NEUE MITTE
Helmut Resch, Architekt BDA a. o.
Treffpunkt: Vorwerkstraße 1, Selb
12h30
ORTGANG, WOHNUMFELDGESTALTUNG SELB OST
Peter Kuchenreuther,
Architekt BDA,
Helmut Resch, Architekt BDA a. o.
Treffpunkt: Längenauer Str. 82
13h30
MITTAGSPAUSE
Mittagessen und Gespräche im
Rosenthal Casino
Kasinostraße 3, Selb
15h00
ORTGANG, IMPULSPROJEKT BÜRGERPARK
Gisela Fanck, Landschaftsarchitektin
Gerhard Plaß, Architekt
Peter Kuchenreuther, Architekt BDA
Helmut Resch, Architekt BDA a. o.
Treffpunkt: Schillerstraße
16h00
ORTGANG, EUROPAN
PROJEKT BARRIEREFREIES WOHNEN
Stephan Häublein, Johannes
Müller, H2M Architekten
Treffpunkt: Wohnanlage Sedanstraße 5, Selb
17h00
ORTGANG, FACTORYIN,
VIELITZER STRASSE 26, SELB
Umnutzung einer ehemaligen
Porzellanfabrik
Thomas Steidl, Detlev Beaa
Chill Out im Lokal „Heinrichs“
Das Thema der Architekturwoche A 5 „Abbruch-Umbruch-Aufbruch“ ist wie maßgeschneidert für die Entwicklung in der Stadt Selb.
Seit 150 Jahren ist die Entwicklung der Stadt Selb eng mit der Porzellanindustrie verbunden. Als 1857 Lorenz Hutschenreuther die erste Porzellanfabrik in der Stadt gründete, ahnte niemand, in welch enger Abhängigkeit sich Stadtentwicklung und Porzellanfabrikation am Ende des 20. Jahrhunderts befinden würden.
Porzellan wirkt heute noch Stadtbild prägend im 16.000 Einwohner zählenden Selb. Die Verwaltungs- und Produktionsstätten, so bekannter Unternehmen wie Hutschenreuther, Rosenthal und Heinrich, auf die in ihrer Blütezeit die Hälfte der deutschen Porzellanproduktion entfiel, sind nicht nur großflächig, sondern teilweise auch ungewöhnlich gestaltet.
Kunst im öffentlichen Raum weist häufig auf Porzellandesign hin, das Theater trägt den Namen "Rosenthal-Theater" und viele Hinweistafeln führen zu den Fabrikverkäufen der Porzellanindustrie. Selbst die Urheberschaft des Stadtentwicklungskonzeptes von 1967 - immerhin von Walter Gropius erarbeitet - ist ohne die enge Verbindung des Industriellen Philipp Rosenthal in die Künstler-Avantgarde nicht zu denken.
Die Absatzkrise der keramischen Industrie Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts verursachte in Selb eine beispiellose Zäsur in der Stadtentwicklung: Innerhalb von sechs Jahren verringerte sich die Beschäftigtenzahl um 19%, in der Folge verlor die Stadt 9% ihrer Einwohner. Zurückblickend auf die letzten drei Jahrzehnte reduzierte sich die Einwohnerzahl sogar um ca. 8.000. Die Bevölkerung altert: 42% der Einwohner sind über 50 Jahre alt. Die Aufgabe großer Produktionsstätten hat - verteilt über die Stadt - große Industriebrachen hinterlassen. Der Einwohnerverlust wiederum führte zu hohen Leerständen im großen Mietwohnungsbestand der Stadt.
Die Stadt Selb war deshalb im Jahr 2002 als Pilotstadt im Forschungsfeld „Stadtumbau West“ des Experimentellen Wohnungs- und Städtebaus des Bundesbauministeriums aufgenommen worden. Ziel war dabei Bewältigungsstrategien für den wirtschaftlichen Strukturwandel und die Auswirkungen des demografischen Wandels zu finden. Zunächst wurde von einem interdisziplinären Expertenteam ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept erarbeitet.
Prominenter Vorläufer dieses Konzeptes war der Stadtentwicklungsplan von Prof. Walter Gropius aus den späten 1960er Jahren, dessen partielle Umsetzung noch heute die Stadtstruktur prägt. In der Folge war allerdings diese Art der Stadtplanung in Verruf geraten, da eine Anpassung an geänderte Rahmenbedingung nicht vorgenommen worden war, was zu Fehlern in der Umsetzung geführt hatte. Die Folge war eine mangelnde Akzeptanz der Planung in der Bevölkerung, was schließlich zur allgemeinen Abneigung von städtebaulichen Planungen geführt hat.
Das moderne Instrument des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes mit Beteiligungsprozessen soll die Fehler der Vergangenheit korrigieren und durch eine ständige Überprüfung mittels Monitoring immer wieder aktualisiert und gegebenenfalls modifiziert werden.
Aus dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept wurde eine Fülle von Impulsprojekten entwickelt.
Erste Impulsprojekte sind zwischenzeitlich erfolgreich umgesetzt. Am Anfang der Umsetzungsphase stand der „Bürgerpark“, eine Gewerbebrache im Zentrum der Stadt, für die im Rahmen eines Bürgerwettbewerbs eine attraktive Zwischennutzung gefunden werden konnte, die große Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung erfahren hat. Das bürgerschaftliche Engagement im Zusammenhang mit der Erstellung, als auch mit der Pflege der Anlage ist Beispiel gebend.
Ein weiteres Projekt befasste sich mit dem Rückbau von überschüssigem Wohnraum und der Aufwertung des Wohnumfeldes an unterschiedlichen Standorten im Stadtgebiet. Neben den baulichen Qualitäten ist der menschliche Umgang mit den vom Rückbau Betroffenen bemerkenswert und hat bundesweit Anerkennung erfahren.
Neben dem erforderlichen Rückbau wurden aber auch barrierefreie, qualitätvolle Ersatzwohnungen mit zeitgemäßem Standard errichtet, die energetisch zukunftsweisend sind. Dabei steht aktuell insbesondere die Stärkung der Innenstadt im Vordergrund.
Das Schwerpunktthema „Barrierefreies Wohnen“ wird abgerundet durch individuelle Dienstleistungspakete.
Zum Thema „Aufbruch“ passen die aktuellen Planungen im Rahmen der Kinder- und Jugendarbeit. So wurde kürzlich der Grundstein für ein „Haus der Tagesmütter“ als Abrundung des reichhaltigen Angebotes an Kindertagesstätten in der Stadt Selb gelegt. Mit dem Neubau eines Jugendzentrums eines Jugendzentrums mit Jugendhotel werden deutliche Zeichen für eine positiven Blick in die Zukunft gesetzt. Beide Projekte entstanden aus „Europan“, dem größten Architektenwettbewerb für junge Planer in Europa. Junge Architekten aus Madrid werden dabei mit ihren frischen Ideen neue Akzente im Stadtbild setzen.
Zahlreiche soziale und kulturelle Mikroprojekte ergänzen die umfangreichen Bemühungen der Stadt Selb zu einem echten Stadtumbau.

